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Schonzeit vorbei
Autorenlesung Juna Grossmann 01/2019

Am 22.01.19 nahmen Studierende und Lehrkräfte der FakS an einer Autorenlesung der Berliner Jüdin Juna Grossmann in der Alten Schranne teil. Sie stellte ihr Buch „Schonzeit vorbei“ vor, das den neu aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland thematisiert.

Erinnerungsarbeit ist der FakS Nördlingen wichtig. Auf Initiative von Dr. Christeiner, die sich im Freundeskreis der Synagoge Hainsfarth engagiert, sind in den letzten Jahren immer wieder Zeit­zeugen zu einer Begegnung mit den Studierenden an die FakS gekommen. 2016 besuchte der litauische Holocaustüberlebende Zwi Katz die FakS, 2018 die Kinderärztin und Psycho­therapeutin Dr. Eva Umlauf, die als Zweijährige aus Auschwitz befreit wurde.

Juna Grossmann und Veranstalter Ralf Lehmann

Die Berliner Jüding Juna Grossmann stellt in der Alten Schranne ihr Buch „Schonzeit vorbei“ vor

Stimme der Menschlichkeit erheben

Von Ernst Mayer/ RN 24.01.19 (Auszug)

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Ist das eine Entgleisung oder ein gut gemeinter Ratschlag, wenn jemand zum Thema Anti­semitismus in einer Diskussion sagt, er lehne das Tragen einer Kippa in der Öffentlichkeit genauso wie das anderer sichtbarer religiöser Zeichen ab? Wäre dann alles gut, wenn die Juden Kippa und Davidstern ablegten? Wenn sie sich vor den Antisemiten verstecken würden? Sind sie also selbst schuld, dass sie Hassmails in den sozialen Netzen und offene Anfeindungen empfangen?

Diese Fragen bewegten auch die Autorin Juna Grossmann selbst, und sie beträfen auch andere

Gruppen in der Bevölkerung, die solchem grund­losen Hass ausgesetzt seien. Sie habe sich aller­dings auch schon mit dem Kofferpacken befasst – Flucht aus der aufgeklärten demokratischen Gesellschaft!

Juna Grossmann trat im Jahr 2001 ihre Arbeit als Angestellte des neuen Jüdischen Museums in Berlin an. Hier erlebte sie das erste Mal offenen Anti­semitismus, in ihrer Welt habe es bis dahin nichts Antijüdisches gegeben. Das, was sie gehört habe, sei bisher so fern erschienen – und plötzlich war sie mittendrin. Am Tag der Eröffnung, dem 11. September 2001, sei der Flugzeugangriff in das New Yorker World Trade Center geschehen. Von da ab sei vieles anders als zuvor geworden.

Am Ticketing des Museumsempfangs habe sie die Erfahrung gemacht, dass dies der Ort sei, an dem Menschen ihren Frust ablassen würden. Die eigent­lich selbstverständliche Anordnung, Mäntel und Rucksäcke in der Garderobe abzugeben, führte zur Äußerung, dass dies die Rache an den Deutschen sei, dass sie so viele Juden umgebracht

hätten. Das Verbot, Speisen und Getränke ins Museum mitzunehmen, gab zur Vermutung Anlass, dass dies geschehe, weil sie im Ghetto hätten hungern müssen – insgesamt also die Rache für KZ und Holocaust. Dabei habe der Bildungsgrad der Kritiker keine Rolle gespielt.

Unverständnis für das Tragen jüdischer Symbole, z. B. des Davidsterns auf Schmuckstücken, oder Ablehnungen bei Arbeits- und Wohnungssuche, seien Erlebnisse des Alltags der Juden in Berlin. Sogar eine „Mesura“, eine kleine Kapsel mit hebräischen Worten am Türpfosten, störe die Leute. Immer wieder würden Kritiker der Politik Israels, wenn sie sie als Jüdin erkennen, sie für deren Handlungen offen mitverantwortlich machen. In der Öffentlichkeit hätten antisemitische Verschwörungstheorien, die schon zur Begründung der Shoa herangezogen wurden, zugenommen und die bisher unterschwellig vorhandenen Ressentiments gegen die Juden politisch sagbar und in rechten Kreisen hoffähig gemacht.